Plotin über Abstieg und Aufstieg der Seele
Text 1 (Abstieg der Seele):
Was hat denn eigentlich die Seelen ihres Vaters Gott vergessen lassen und bewirkt, daß sie, obgleich Teile aus jener Welt und gänzlich Jenem angehörig, ihr eigenes Wesen sowenig wie Jenen mehr kennen? Nun, der Ursprung des Übels war ihr Fürwitz, das Eingehen ins Werden, die erste Andersheit, auch der Wille sich selbst zu gehören. An dieser ihrer Selbstbestimmung hatten sie, als sie denn in die Erscheinung getreten waren, Freude, sie gaben sich reichlich der Eigenbewegung hin, so liefen sie den Gegenweg und gerieten in einen weiten Abstand: und daher verlernten sie auch daß sie selbst von dort oben stammen; wie Kinder die gleich vom Vater getrennt und lange Zeit in der Ferne aufgezogen werden, sich selbst wie ihren Vater nicht mehr kennen. Da die Seelen nun sich selbst nicht und Jenen nicht mehr sahen, achteten sie sich selbst gering aus Unkenntnis ihrer Herkunft, achteten aber das Andere hoch, hatten vor allem mehr Respekt als vor sich selbst, waren von dem Andern hingerissen, staunten es an, hängten sich daran, und so rissen sie sich soweit als möglich los von dem, dem sie geringschätzig den Rücken gekehrt hatten.
Somit ergibt sich, daß der Grund für das gänzliche Vergessen jenes Oberen die Hochachtung vor dem Irdischen und die Mißachtung ihrer selbst ist. Denn ein Wesen, das etwas bewundert und ihm nachjagt, gesteht eben durch diese Bewunderung und dies Nachjagen ein, ihm unterlegen zu sein; indem es sich aber selbst für geringer schätzt als die Dinge die da werden und vergehen, indem es sich für unwerter und sterblicher als alle die Dinge hält die es hochschätzt, kann es niemals den Gedanken von Gottes Wesen und Kraft fassen. (Die drei göttlichen Wesenheiten, V 1 [10] 1)
Text 2 (Beginn des Wiederaufstiegs):
Plotin: man muß „von allem was außen ist, sich zurückziehen und sich völlig in das Innere wenden ...“ (Das Gute V 9 [9] 7, 17)
Augustinus: „Geh nicht hinaus, kehr in dich selber ein; im inneren Menschen wohnt die Wahrheit.“ (vera rel. 39, 72)
Text 3 (Tugenden und die Abkehr vom Äußeren):
„Was ist denn auch wahre Selbstzucht anderes als keine Gemeinschaft pflegen mit den Lüsten des Leibes, sie fliehen da sie unrein und des Reinen unwürdig sind? Tapferkeit ferner heißt den Tod nicht fürchten, der Tod aber ist die Getrenntheit der Seele vom Leibe: davor fürchtet sich der nicht, der es liebt allein (mit seiner Seele) zu sein; und Seelengröße bedeutet ja doch Verachtung der Erdendinge; und Weisheit ist Denken in Abneigung gegen das Untere, und führt die Seele zum Oberen hinauf.“ (Enn. I 6, 6, 7 ff.)
Text 4 (Schau des Einen als Ziel des Aufstiegs):
„jetzt aber reißt ihn die Woge [...] fort, und hoch hebt ihn ihr Schwall hinauf. Da erblickt er mit einem Schlage, er sieht nicht wie, sondern das Schauen erfüllt seine Augen mit Licht und läßt durch das Licht nicht etwas anderes sichtbar werden, sondern dies Licht selbst ist es, was er sieht.“ (VI. 7, 36, 279-281)
Text 5 (Einswerdung mit dem Einen (Henosis) als Ziel des Aufstiegs):
„Das Geschaute aber (wenn man denn das Schauende und das Geschaute zwei nennen darf und nicht vielmehr beides eines) sieht der Schauende in jenem Augenblick nicht - die Rede ist freilich kühn -, unterscheidet es nicht, stellt es nicht als zweierlei vor, sondern er ist gleichsam ein anderer geworden, nicht mehr er selbst und nicht sein eigen, ist einbezogen in die obere Welt und Jenem Wesen zugehörig, und so ist er eines, indem er gleichsam Mittelpunkt mit Mittelpunkt berührt. [...] Weshalb denn auch die Schau so schwer zu beschreiben ist; denn wie kann einer von Jenem als einem Unterschiedenen Kunde geben, da er es während erst schaute, nicht als ein Verschiedenes, sondern als mit ihm eines gesehen hat?“ (VI 9 [9] 10, 10-20)]
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